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Behandlung primärer und sekundärer Immundefekte

Es gibt verschiedene Optionen, Betroffene mit einem Immundefekt symptomatisch und prophylaktisch zu behandeln. Die Therapie-Entscheidung basiert auf der individuellen Erkrankung und den jeweiligen Symptomen. Sie sollte gemeinsam mit den Betroffenen oder den Angehörigen besprochen und gewählt werden. Das Ziel ist dabei immer, die Häufigkeit und die Schwere von Infektionen zu reduzieren und die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.1, 2

Auf diesen Seiten finden Sie Informationen zur Leitlinien-gerechten Therapie der primären und sekundären Immundefekte sowie zur Immunglobulin-Ersatztherapie .

Therapie des PID: Interdisziplinäre Teams sind gefragt

Therapie

Betroffene mit einem primären Immundefekt (PID) und deren Angehörige haben häufig einen langen Weg hinter sich, bis die Diagnose gestellt wird. Dabei ist eine möglichst frühzeitige und effektive Therapie für die Betroffenen von großer Bedeutung. Denn neben der Symptomlinderung kann sie auch ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität entscheidend verbessern. 

Grundsätzlich sollte die ganzheitliche Betreuung der Patientinnen und Patienten im Vordergrund stehen. Dem interdisziplinären Behandlungsteam sollten deshalb neben Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen auch das Pflegepersonal sowie Experten und Expertinnen aus Psychologie und Sozialarbeitangehören. Eine spezialisierte Versorgung bieten Fachambulanzen, insbesondere bei schweren Immundefekten wie dem X-linked Hyper-IgM-Syndrom oder auch dem schweren kombinierten Immundefekt (SCID).1

Lesen Sie hier, welche Therapieziele die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Immunologie (API) e.V. definiert und wie eine Leitlinien-gerechte Immunglobulin-Ersatztherapie gestaltet werden kann.

Die Therapieziele fest im Blick

Die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Immunologie (API) e.V. definiert in ihrer Leitlinie als Basis einer wirksamen und effektiven Therapie die folgenden Ziele und Grundsätze:

  • Akute und chronische Infektionen sollen über Vorbeugung verhindert werden.
  • Akute Infektionen und Endorganschäden sollen therapiert werden.
  • Die Erhaltung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität der Betroffenen hat einen hohen Stellenwert.
  • Spätfolgen und eine Verschlechterung der Symptome sollen vermieden werden.
  • Therapiekomplikationen sollen vermieden werden.
  • Betroffene und deren Angehörige sollen über die Erkrankung aufgeklärt werden.
  • Eine psychosoziale Begleitung für Betroffene und ihre Familien soll erwogen werden.
  • Das Behandlungsteam soll für eine störungsfreie somatische und psychosoziale Entwicklung sorgen.1

Die Immunglobulin-Ersatztherapie: wirksam und verlässlich

Bei Betroffenen mit Hypo- oder Agammaglobulinämie ist die substituierende Gabe von Immunglobulinen (Ig) gemäß der Leitlinie indiziert und kann die Infektionsrate signifikant reduzieren. Es werden drei verschiedene Applikationsformen unterschieden3:

  • Intravenöse Immunglobulingabe (IVIg):  Die Immunglobuline werden unter ärztlicher Aufsicht intravenös appliziert.
  • Subkutane Immunglobulintherapie (SCIg):  Die Immunglobuline werden mittels Katheter und einer Infusionspumpe in das Subkutangewebe im Bauchbereich oder an Oberschenkel oder Oberarm appliziert. Diese Art der Gabe kann nach entsprechender Anleitung zuhause durchgeführt werden. 
  • Facilitated/unterstützte subkutane Immunglobulintherapie (fSCIg) : Hyaluronidase erhöht vorübergehend die Gewebepermeabilität und unterstützt die gleichmäßige Verteilung der Immunglobulin-Dosis im subkutanen Gewebe. Dies ermöglicht eine Gabe von größeren Immunglobulinvolumina und eine verbesserte Resorption in die Lymphgefäße. Auch diese Form der Applikation ist wie die konventionelle Subkutane Immunglobulintherapie zuhause möglich. 
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Wichtig!

Die Wirksamkeit von intravenöser und subkutaner Immunglobulin Therapie ist vergleichbar. Bei der Wahl der Applikationsform sollten deshalb die Präferenzen der Betroffenen oder der Angehörigen berücksichtigt werden. Generell gilt, dass die Therapie engmaschig überwacht und bei Bedarf angepasst werden sollte.1


Unerwünschte Ereignisse? Diese Tipps können helfen

Bei der intravenösen, wie auch bei der subkutanen Immunglobulin-Ersatztherapie kann es zu unerwünschten Ereignissen kommen. Studien zeigen jedoch, dass die subkutane Applikation in der Regel weniger unerwünschte systemische Reaktionen hervorruft.2 Generell gilt, dass vor Infusionen für einen guten Hydratationsstatus gesorgt sein sollte, die Betroffenen sollten also vorab reichlich Wasser trinken. 

Tipps beim Auftreten von unerwünschten Ereignissen2

  • Unterbrechen Sie die Infusion bei unerwünschten Ereignissen
  •  Milde unerwünschte Ereignisse können häufig auf die Infusionsgeschwindigkeit zurückgeführt werden.
    • senken Sie die Geschwindigkeit oder/und
    • legen Sie eine 15- bis 30-minütige Infusionspause ein.
  • Bei stärkeren unerwünschten Ereignissen können Paracetamol, Antihistaminika, Steroide oder kreislaufunterstützende Medikamente eingesetzt werden.
  • Setzen Sie sich nach dem Auftreten von unerwünschten Ereignissen mit Spezialisten und Spezialistinnen in Verbindung
  • Die erste Infusion nach dem Auftreten von unerwünschten Ereignissen sollte immer mit reduzierter Infusionsgeschwindigkeit und eventuell vorheriger Steroidgabe erfolgen.
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Wichtig!

Treten weiterhin unerwünschte Ereignisse auf, sollte gemeinsam mit den Betroffenen oder den Angehörigen erwogen werden, auf eine andere Applikationsform oder ein anderes Präparat umzustellen.1


Therapie der sekundären Immundefekte: Infektionen den Kampf ansagen

Die Therapie sekundärer Immundefekte orientiert sich an der jeweils bestehenden Grunderkrankung der Betroffenen und an den vorherrschenden Symptomen. In vielen Fälle stellen teils schwere Infektionen – eines der Leitsymptome von Immundefekten – ein großes Risiko für Betroffene dar. Dies gilt es durch präventive und therapeutische Maßnahmen möglichst zu vermeiden. 

Lesen Sie hier mehr zur Leitlinien-gerechten Infektionsprophylaxe und Immunglobulin-Ersatztherapie bei sekundären Immundefekten. 

Infektionsprophylaxe als zentrale Säule der Therapie

Bei einer bestehenden Grunderkrankung oder einer immunsuppressiven Therapie stellen schon alltägliche Krankheitserreger ein erhöhtes Infektionsrisiko für Betroffene dar. Eine adäquate Infektionsprophylaxe gilt deshalb als tragende Säule bei der Behandlung sekundärer Immundefekte.

Sie sollte 

•    antimykotische,1 
•    antivirale2 und
•    antibakterielle Maßnahmen umfassen.3 

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Wichtig!

Insbesondere beim Einsatz von Antibiotika sollte eine mögliche Resistenzbildung bedacht werden. Hier gilt es, Nutzen und Risiken der Therapie immer wieder neu abzuwägen.3


Impfungen als Infektionsprophylaxe

Infektionen und daraus resultierende Komplikationen sind wesentliche Treiber der krankheitsspezifischen Morbidität und Mortalität von Betroffenen mit sekundären Immundefekten.4 Sowohl die Grunderkrankung selbst als auch der Wirkmechanismus der geplanten Medikation sind entscheidend für die Impfempfehlungen.5 

So führen zum Beispiel Anti-CD20-Antikörper zu einer nahezu vollständigen Depletion der B-Zellen für bis zu 6 Monate. Von Impfungen in diesem Zeitraum wird deshalb abgeraten. Innerhalb der ersten zwölf Monate nach einer Anti-CD20-Antikörpertherapie kann die Titer-Bestimmung und bei Bedarf eine erneute Impfung zu einem effektiven Impfschutz beitragen.5

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Wichtig!

Betroffene, die sich einer allogenen Stammzelltherapie unterzogen haben, benötigen nach Abschluss der Therapie eine erneute Primär-Immunisierung.5


Wirksam gegen Infektionen: die Immunglobulin-Ersatztherapie

Um die Infektionshäufigkeit bei Betroffenen mit einem sekundären Immundefekt und nachgewiesenem Antikörpermangel (Immunglobulinkonzentration < 4 g/l) zu senken, sehen die Leitlinien eine Immunglobulin(Ig)-Ersatztherapie vor. Voraussetzung ist, dass eine pathologische Infektionsanfälligkeit und eine pathologische Impfantwort vorliegen.6  
Folgende drei Applikationswege für eine Ig-Ersatztherapie bieten sich an:

  1. Intravenöse Immunglobulingabe (IVIg):  Die Immunglobuline werden unter ärztlicher Aufsicht intravenös appliziert.7
  2. Subkutane Immunglobulintherapie (SCIg):  Die Immunglobuline werden mittels Katheter und einer Infusionspumpe in das Subkutangewebe im Bauchbereich oder an Oberschenkel oder Oberarm appliziert. Diese Art der Gabe ist gleichwertig zur IVIg wirksam und kann zusätzlich nach entsprechender Anleitung zuhause durchgeführt werden.7 
  3. Facilitated/unterstützte subkutane Immunglobulintherapie (fSCIg):   Hyaluronidase erhöht vorübergehend die Gewebepermeabilität und unterstützt die gleichmäßige Verteilung der Immunglobulin-Dosis im subkutanen Gewebe. Dies ermöglicht eine Gabe von größeren Immunglobulinvolumina und eine verbesserte Resorption in die Lymphgefäße. Auch diese Form der Applikation ist wie die konventionelle Subkutane Immunglobulintherapie nach entsprechender Schulung zuhause möglich.7

Die Immunglobulin-Ersatztherapie verbessert die Lebensqualität und reduziert die Infekthäufigkeit von SID-Betroffenen. Dies konnte in mehreren Versorgungsforschungsstudien festgestellt werden. Jedoch fehlen bislang aussagekräftige, prospektive, randomisierte Studien zur Effektivität der einzelnen Applikationsformen (subkutane vs. intravenöse Applikation) sowie der zugelassenen Immunglobulin-Präparate.6 

expand expand collapse collapse Literatur
  1. Na IK et al. Onkopedia Leitlinien Therapieinduzierte Immundefekte in der Hämatologie und Onkologie (2019).https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/immundefekte-sekundae…(letzter Zugriff: 14.12.21). 
  2. Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Immunologie (API) e.V. S3-Leitlinie "Therapie primärer Antikörpermangelerkrankungen" (2019). https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/189-001.html (letzter Zugriff: 14.12.21). 
  3. Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Immunologie (API) e.V. AWMF S3-Leitlinie 18-001 "Therapie primärer Antikörpermangelerkrankungen" (2019). https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/189-001.html (letzter Zugriff: 10.10.2022). 
  4. Guo Y, Tian X, Wang X et al. Adverse Effects of Immunoglobulin Therapy. Front Immunol 2018; 9: 1299. 
  5. Mellinghoff S et al. Onkopedia Leitlinie Antimykotische Primäreprophylaxe bei Patineten mit hämatologischen Neoplasien (2018). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/antimykotische-primae… (letzter Zugriff: 14.12.21). 
  6. Sandherr M et al. Onkopedia Leitlinien Antivirale Prophylaxe (2014). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/antivirale-prophylaxe… (letzter Zugriff 21.12.21). 
  7. Claßen AY et al. Onkopedia Leitlinien Bakterielle Infektionen und Pneumocystis jiroveci Pneumonie - Prophylaxe (2021). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/bakterielle-infektion… (letzter Zugriff: 21.12.21). 
  8. Maschmeyer G Onkopedia Leitlinien Infektionen bei hämatologischen und onkologischen Patienten (2018). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/infektionen-bei-haema… (letzter Zugriff: 26.01.2022). 
  9. Rieger C et al. Onkopedia Leitlinie Impfungen bei Tumorpatienten (2019). https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/impfungen-bei-tumorpa… (letzter Zugriff: 14.12.21). 
  10.  Na IK et al. Onkopedia Leitlinien Therapieinduzierte Immundefekte in der Hämatologie und Onkologie (2019).https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/immundefekte-sekundae… (letzter Zugriff: 13.12.21). 
  11.  Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Immunologie (API) e.V. S3-Leitlinie "Therapie primärer Antikörpermangelerkrankungen" (2019). https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/189-001.html (letzter Zugriff: 14.12.21).